Zwischen Nachhilfe und Förderwahn – aus der Sicht einer Nicht-Mutter, aber Lehrerin

Ein Beitrag zur Blogparade von schlaflose Muttis und Scoyo.
Angelehnt an den Scoyo Elternabend zum Thema: Zwischen Nachhilfe und Förderwahn

Was ich mit dem Thema zu tun habe:

Als Mutter kann ich leider nicht sprechen, aber als Lehrerin mit fast 7 Jahren Berufserfahrung im Bereich Hauptschule.

Kann die Schule keine individuelle Förderung mehr leisten?
-> Jein. 

Warum ja?
Ja, weil es ganz viele engagierte Lehrer gibt, die sich um die Kinder bemühen, jedes Kind als Individuum sehen und versuchen dort anzusetzen, wo das Kind steht.
Ja, weil es Schulen mit tollen Möglichkeiten zur Förderung gibt (räumlich und personell)
Ja, weil es Kinder gibt, die lernwillig sind und auch das „Werkzeug“ zum Lernen dabei haben (und damit meine ich jetzt nicht das Talent, sondern rein pragmatische Dinge wie Frühstück, Stifte und andere Arbeitsmaterialien, sowie gewisse Werte und Normen).

Warum nein?

Nein, weil es natürlich auch Lehrer gibt, die es nicht schaffen eine Beziehung zum Kind aufzubauen (und das ist meiner Meinung nach noch wichtiger als alle Methoden, denn fühlt ein Kind sich missverstanden, kann der Lehrer noch so toll ausgebildet sein, er wird hinten runter fallen).

Nein, weil leider oft zusätzliche Kräfte in der Klasse fehlen und für den einzelnen nur sehr wenig Zeit zur Individualbetreuung bleibt.

Nein (und jetzt komme ich zu dem Punkt, den ich an alle Eltern richtigen will), weil es Kinder gibt, die von den Eltern nicht die nötigen Grundlagen vermittelt bekommen, um überhaupt am Schulleben erfolgreich teilzunehmen.

  • Kinder, die den Unterricht verweigern
  • Kinder, die keine Arbeitsmaterialien dabei haben (noch nicht einmal einen Stift)
  • Kinder, die es von zu Hause gewöhnt sind, dass respektlos über Lehrer gesprochen wird und dies in der Schule fortsetzen
  • Kinder, die gar nicht erst regelmäßig die Schule besuchen
  • Kinder, deren Eltern nicht erreichbar sind und nicht zu Gesprächsterminen erscheinen
  • Kinder, die es nicht gewohnt sind sich an Regeln zu halten.
  • Kinder, die so so so viele private Probleme haben, dass Schule und Lernen nicht mehr wichtig sind (und leider bilden diese Kinder den Hauptteil meiner Schüler).
  • Kinder, deren Eltern mit nichts zufrieden sind und der Ansicht sind, ihrem Kind stünde eine 1:1 Betreuung zu.
  • Kinder, die etwas Falsches vorgelebt bekommen. 

Liebe Eltern!

Schule ist durchaus in der Lage, ihrem Kind den Unterrichtsstoff der jeweiligen Klasse so zu vermitteln, dass es ihn versteht. Wir sind auch in der Lage schwächere Kinder und stärkere Kinder zu fördern. 
Doch, es ist nicht unsere Aufgabe ihr Kind zu erziehen (dass wir mit Ihnen an einem Strang ziehen, sofern dieser den vorliegenden Werten und Gesetzen in Deutschland entspricht, steht außer Frage), doch den „Strang“ knüpfen Sie. Wir helfen nur diesen beständig zu halten.
Mit freundlichen Grüßen
von einer Lehrerin 

Was Eltern zu Hause tun sollten:
Wir als Lehrer haben in erster Linie einen Bildungsauftrag. Eltern zu Hause einen Erziehungsauftrag. Beides gehört unweigerlich zusammen. Daher sollte es oberste Priorität haben, dass
Eltern und Schule zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.

Was Schule nicht leisten kann:

  • Stifte, Hefte, Scheren etc. für jedes Kind kaufen.
  • Frühstück machen.
  • darauf achten, dass das Kind ausgeschlafen ist.
  • Pausenfrühstück mitgeben.
  • kontrollieren, dass das Kind alle wichtigen Utensilien im Ranzen/Rucksack hat und nicht Dinge mitnimmt, die es nicht mitnehmen soll.
  • dem Kind beibringen respektvoll zu handeln.
  • dafür sorgen, dass das Kind pünktlich in die Schule kommt.
  • dafür sorgen, dass das Kind mittags etwas zu Essen bekommt (natürlich gibt es viele Schulen mit Ganztags- und Kantinenangebot, aber auch das funktioniert nur, wenn die Eltern das Essen für ihr Kind beantragen).
  • Mitteilungen persönlich an die Eltern geben (Postmappe/Mitteilungsheft).
  • Die Seele des Kindes schützen.
  • den Konsum elektronischer Geräte kontrollieren.
  • den Freundeskreis des Kindes außerhalb der Schule kennen und überprüfen.
  • Aktivitäten außerhalb der Schule planen und durchführen.
  • Dem Kind vermitteln, dass es von seiner Familie geliebt wird.
  • Dem Kind in seiner Familie Sicherheit und Wohlbefinden bieten.

Ich denke diese Liste ist noch nicht vollständig, aber ich glaube die Tendenz wird sichtbar.
All dies sind Aufgaben, die Schule nicht oder nur in sehr geringem Maße leisten kann und die doch unmittelbaren Einfluss auf das Lernen und das Lernverhalten des Kindes haben.

Wo hört Förderung auf und fängt der Wahn an?
Manche Eltern wünschen sich, dass ihr Kind alles besser macht als andere.
Doch, was wollen Sie wirklich für ihr Kind?

Soll es den ganzen Tag zu Hause über Büchern hängen, weil es nie genug bekommen kann von all dem Wissen oder würden Sie ihr Kind lieber fröhlich draußen mit anderen Kindern spielen sehen?
Muss ihr Kind unbedingt einen Akademiker-Beruf erreichen oder reicht auch ein Handwerksberuf mit dem es später seine eigene Familie versorgen kann?

Ich finde die Bezeichnung „Kind sein“ bezieht sich nicht nur auf das Alter, sondern auch auf Dinge, die man tun kann und darf und zu denen man später keine Gelegenheit mehr bekommt. Viel zu früh bekommen viele Kinder Teile von Erwachsenenrollen zugesprochen, müssen Verantwortung übernehmen, sollen vorausplanend denken und handeln.
Doch wo bleibt dann die Kindheit neben all diesen Verantwortungen?

Kindheit bedeutet jede Menge Spaß haben, neue Dinge ausprobieren und manchmal einen blauen Fleck oder ein aufgeschürftes Knie davontragen.

Was ist zu viel und was zu wenig?
Pauschal gibt es darauf keine Antwort. Sprechen Sie mit dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin, denn diese Person sieht ihr Kind jeden Tag. Es gibt Kinder, die weitaus mehr können als sie zeigen und für die eine zusätzliche Betreuung (z.B. bei den Hausaufgaben) oder der Besuch eines Sportvereins (zum Ausgleich) durchaus sinnvoll ist und das Kind auch nicht überfordern,
aber es gibt auch Kinder, die gegen die Wünsche ihrer Eltern mit dem, was sie leisten am ihrem derzeitigen Limit (welches noch nicht in Stress und Frustration ausartet) angekommen sind und die mit einer zusätzlichen Förderung komplett überfordert wären.
Wenn Sie sich trotz des Gesprächs unsicher sind, lassen Sie durch erfahrene Institutionen eine Leistungsdiagnose machen oder sprechen Sie die Klassenleitung darauf an, ob dies an der Schule möglich ist.

Wie soll ich auf „schlechte“ Noten reagieren?
Auch hier gibt es keine Pauschalantwort, denn Noten im mangelhaften bis ungenügenden Bereich, bedeuten nicht zwangsläufig, dass das Kind nicht genug gelernt hat oder das Thema nicht verstanden hat. Denn hinter solchen Noten stehen eine unzählbare Anzahl an Faktoren, die diese beeinflussen. Probleme in der Familie, Streit mit Freunden, Prüfungsangst, Unausgeschlafenheit, Hunger, Konflikte mit dem Lehrer, Defizite im Thema…. können zu einem solchen Ergebnis führen.
Hier ist eine gute Beziehung zwischen Eltern-Lehrer und Kind besonders wichtig, Denn so kann gemeinsam ergründet werden, welche Faktoren zutrafen und wie man daran arbeiten kann. Druck bringt da gar nichts.

Soll ich meinem Kind bei den Hausaufgaben helfen?
Auch hier sollten Sie individuell entscheiden. Manchen Kindern hilft es, wenn die Eltern einfach nur daneben sitzen oder sich abends die Hausaufgaben zeigen lassen, andere sind so selbständig, dass dies nicht notwendig ist. Wenn Sie das Gefühl haben, dass ihr Kind regelmäßig mit den Aufgabenstellungen der Hausaufgaben nicht zurecht kommt, sprechen Sie den Fachlehrer an. Denn es hilft dem Kind nicht, wenn Sie ihm die Aufgaben diktieren und auch Erklärungen durch die Eltern, können kontraproduktiv sein, da Eltern oft andere Wege zur Problemlösung haben als die Lehrer gelehrt haben. Zu empfehlen ist es sich vom Kind den Problemlösungsweg zeigen zu lassen (z.B. an einer in der Schule gelösten Aufgabe).

Ein abschließender Tip:
Rituale sind unheimlich wichtig für Kinder und Jugendliche. Schaffen Sie zu Hause Rituale, die für die Kinder verlässlich und bis auf wenige Ausnahmen verpflichtend sind

Beispiele:

  • nach dem Mittagessen werden die Hausaufgaben gemacht
  • die Hausaufgaben werden abends um 19 Uhr kontrolliert
  • der Rucksack/Ranzen wird vor dem zu Bett gehen gepackt und eventuell kontrolliert
  • am Wochenende ist von 14-17 Uhr Familienzeit (für Spiele, Ausflüge usw.)
  • sonntags wird gemeinsam der Tisch gedeckt
  • feste Schlafenszeiten
  • feste Aufstehzeiten
  • morgendliche Rituale (zuerst ins Bad, dann anziehen oder umkehrt…)
  • Absprachen, was elektronische Geräte angeht
  • Entspannungszeiten
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8 Gedanken zu „Zwischen Nachhilfe und Förderwahn – aus der Sicht einer Nicht-Mutter, aber Lehrerin

  1. Alexandra Lazar

    Sie sprechen mir aus der Seele. Nur leider ist es so dass dieser tolle Artikel bei den meisten angesprochenen Eltern nie publik werden wird. Und man als Lehrer mit einer Anzeige wegen Beleidigung und unlauterer Behauptung rechnen darf, wenn man diese Punkte der Verantwortung den Eltern mitteilt.
    Als angehende Lehrerin bekomme ich den abartigen Frust vieler Eltern mit, wie sie die Lehrer als unnütz denunzieren und dabei wohlwissend ihre eigenen kiffenden Kinder zum Himmel loben!

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    1. diemamanicht Autor

      Die angesprochenen Eltern werden sich erst gar nicht angesprochen fühlen, denn was ist einfacher als die eigenen Defizite auf andere abzuwelzen? Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell für sowas. Durchhalten !!!

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  2. Evy

    Ich finde es gut, dass du die Lehrer-Kind-Bindung anführst – zu manchen Leuten bekommt man einfach keinen Draht. warum soll das bei Schülern und Lehrern anders sein? Gut gefällt mir auch, dass der Artikel wengier anklagend als aufzeigend ist. Sehr gut 🙂

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  3. kuestenmami

    Super toller Beitrag und für mich als baldige Schulkind-Mami schon hilfreich. Denn ehrlich gesagt habe ich noch nicht so richtig den Plan, wie das Laufen wird oder werden soll, wie wir das mit Hausaufgaben & Ranzen packen etc gestalten, meistern werden. Da sind solche Tipps sehr nützlich. Auch bin ich gespannt, wie die Lehrerin so sein wird. Aber bis dahin ist es noch ein längerer Weg.

    Ich finde es allerdings auch erschreckend zu lesen, dass es wirklich Kinder gibt, die kein Essen oder Marterial in der Schule bei haben. Klar, man liest und hört es immer wieder. Aber trotzdem ist es, wenn man das liest immer wieder ein Schock. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, mein Kind ohne Brot oder die benötigten Materialien in die Schule zu schicken!

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    1. diemamanicht Autor

      Die meisten Befürchtungen erledigen sich erfahrungsgemäß Co selbst. Erst kann man sich nicht vorstellen, wie das noch Kindergartenkind plötzlich in der Schule den ganzen Tag still sitzen und lernen soll und dann funktioniert es auf einmal. Es ist ja nicht das erste Kind, welches diesen Schritt macht, aber für die Eltern immer etwas Besonderes (und das ist auch gut so).

      Es freut mich zu lesen, dass es zum Glück noch genügend Eltern gibt, denen es wichtig ist, dass ihr Kind ein Pausenbrot und ein gefülltes Mäppchen hat 😊. Das stimmt zuversichtlich, was die nächste Generation angeht.

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